Förderinitiative »Wissen für Entscheidungsprozesse –

Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft«

Kurzbeschreibung

Das Forschungsvorhaben analysiert die Rolle von Visualisierungen in der Wissensproduktion und der Wissenskommunikation. Der mittlerweile unbestrittene Befund, dass Naturwissenschaften keine ausschließlich logisch-diskursiven Disziplinen darstellen, sondern dass sich ihre Forschung wesentlich in Bildern vollzieht, sowie deren enorme Relevanz in der Wissenskommunikation unterstreichen die Notwendigkeit, sich über die jeweilige historische Funktion und die grundsätzliche theoretische Struktur von Bilderwissen klar zu werden. Aktuell liegt die besondere Herausforderung zweifellos in der »digitalen Zäsur«, die daher im Zentrum des geplanten Vorhabens stehen soll. Die Digitalisierung der Wissenschaften erscheint als ein erkenntnistheoretisch außerordentlich relevantes Problem, da sich mit ihr sowohl die instrumentellen Produktionsbedingungen des Bilderwissens (durch die digitale Bildgenerierung und -verarbeitung) als auch häufig die Voraussetzungen der Erkenntnisgewinnung (z.B. riesige Datenmengen, die in einen interpretierbaren Zustand gebracht werden müssen) verändert haben. Ziel des Projektes ist es vor allem, den epistemischen Status des Bilderwissens zu untersuchen.

Das Projekt gliedert sich in drei zentrale Untersuchungsebenen:

a) bild- und medientheoretische Aspekte

b) die Untersuchung der wissenschaftlichen Praxis der Bildherstellung und -verwendung

c) die Analyse der visuellen Wissenskommunikation in der Öffentlichkeit

 

a) Bild- und medientheoretische Aspekte

Der epistemische Status von Wissen unterscheidet sich je nach medialem Format (Zahl, Bild, Text), ohne dass diese Unterschiede als Bedingungen der Wissensproduktion systematisch untersucht wären. Die Untersuchung des Bildlichen als einer eigenen Wissensform mit spezifischen Potentialen und Grenzen (vor allem im Hinblick auf Nichtwissen oder Uneindeutigkeiten) soll dazu beitragen, die Bedingungen der Wissensproduktion zu reflektieren. Dabei wird – in Auseinandersetzung mit Bildtheorien – der Frage nachgegangen, wie sich naturwissenschaftliche Verbildlichungsstrategien wie Tabellen, Diagramme, Fotografien und digitale Bilder zwischen Bild und Text verorten lassen. Die zentrale Frage ist, inwieweit Transformationen zwischen verschiedenen Darstellungsformaten jeweils das Wissen verschieben. ( Christina Hanke / Dieter Mersch, Uni Potsdam, Europäische Medienwissenschaften, und Martina Heßler, Hochschule für Gestaltung, Offenbach)

b) Untersuchung der wissenschaftlichen Praxis

Im Anschluss an jüngere Studien der Wissenschaftsforschung wird von der Grundannahme ausgegangen, dass es zum Verständnis der Funktion von Bildern und vor allem ihres epistemischen Status notwendig ist, nicht nur die fertigen Endprodukte zu untersuchen, sondern vor allem die Praxis wissenschaftlicher Bildproduzenten sowie die instrumentellen Bedingungen der Herstellung von Bildern. Schwerpunkt der Untersuchungen soll dabei sein, wie die Digitalisierung die wissenschaftliche Praxis sowie die Publikationspraxis verändert hat. Methodisch basiert dieser Arbeitsschritt auf der ethnologischen Beobachtung wissenschaftlicher Praxis, auf Interviews sowie auf einer historischen Analyse der Einführung digitaler Techniken in das wissenschaftliche Arbeiten.

c) Visuelle Wissenskommunikation

Bilder stehen nicht für sich allein. Ihr Sinn ergibt sich wesentlich aus ihrem Kontext und entsprechend verändert die Transformation von Bildern in einen anderen Kontext ihren epistemischen Status und führt zu einer Bedeutungsverschiebung. Die gleichen Bilder haben jeweils eine unterschiedliche Bedeutung, je nachdem, ob sie in Fachjournalen oder in populärwissenschaftlichen Zeitschriften oder Tageszeitungen publiziert werden.

Indem Peter Weingart von der »Medialisierung der Wissenschaft« spricht, verweist er auf veränderte Bedingungen, die auch die Produktion und Publikation von Wissenschaftsbildern betreffen. (Weingart 2001) Bedeutend ist dies vor allem angesichts eines erhöhten Legitimations- und Glaubwürdigkeitsdruckes, dem die Wissenschaften ausgesetzt sind und der sie in Konkurrenz um Zustimmung und Forschungsgelder zwingt. Gerade Bilder eignen sich, um Faszination und Aufmerksamkeit zu wecken. Die Möglichkeiten der Digitalisierung änderten, so die These, die Rolle und Bedeutung von Bildern in der Wissenskommunikation.

Um die Bedeutung einer Zäsur digitaler Bilder zu untersuchen, erweist sich zum einen eine diachrone Untersuchung von Verbildlichungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Hinblick auf Bildtraditionen, ihre Ästhetik und ihr Zusammenspiel mit Text als sinnvoll. Zum anderen steht die Frage im Mittelpunkt, welche Bilder überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen und, eng damit verbunden, inwieweit die »öffentlichen« Bilder wiederum Rückwirkungen auf die innerwissenschaftlichen Bildproduktionen haben. Daher werden die Wechselwirkungen von Bildern in der öffentlichen Wissenskommunikation, dem fachinternen und dem Laien-Diskurs untersucht.

Fallstudien

Diese Fragen sollen anhand zweier Fallstudien, der Nanotechnologie (Jochen Hennig, HU-Berlin, Helmholtz-Zentrum, Das Technische Bild) und der Astronomie (Dr. Ralf Adelmann), erforscht werden. Damit werden erstens zwei Wissenschaftsfelder untersucht, für die der Gebrauch von Bildern im Erkenntnisprozess konstitutiv ist und die beide von hoher Öffentlichkeitsrelevanz sind. Zweitens geraten so zwei Wissenschaftsfelder in den Blick, die auf unterschiedlichen Untersuchungsebenen agieren: der Nanobereich auf der einen, der Kosmos auf der anderen Seite. Drittens spielt in beiden Feldern die Digitalisierung der visuellen Erkenntnis eine große Rolle. Viertens gerät zum einen eine Laborwissenschaft, zum anderen eine Feldwissenschaft in den Fokus. Während die Nanotechnologie eine typische Laborwissenschaft darstellt, galt (und gilt) die Astronomie als Feldwissenschaft, die allerdings, so die These Knorr-Cetinas, durch die Fotografie und schließlich vor allem durch Digitalisierung zunehmend zu einer Laborwissenschaft transformiert werde, weshalb sie ein besonders geeignetes Untersuchungsobjekt für die Frage der Konsequenzen einer »ditigalen Zäsur« darstellt. Der Vergleich zweier Wissenschaftsfelder, einer Labor- und einer Feldwissenschaft, erlaubt es darüber hinaus, die Frage nach einer »visuellen Kultur« bzw. nach »visuellen Kulturen« in den Naturwissenschaften zu stellen.

 

Laufzeit: 01.04.2005 – 30.06.2008

 

Veranstaltungen

Vom roten Mars und runden Atomen. Bilder von Wissenschaft und Technik zwischen öffentlicher Wissensvermittlung und Faszinationsproduktion – Tagung im Rahmen der BMBF-Förderinitiative »Wissen für Entscheidungsprozesse« und des DFG-Schwerpunktes 1143 »Wissenschaft, Politik und Gesellschaft«, 25./26. Oktober 2007 in Offenbach, Hochschule für Gestaltung, Programm (pdf)

Logik der Bilder. Wissenschaftliche Visualisierung und Bildlichkeit – Workshop der Projektgruppe »Visualisierung«, 20./21. Juli 2006 in Berlin (BBAW)

 

Literatur zur Thematik

- Hennig, Jochen (2006): »Lokale Bilder in globalen Kontroversen. Die heterogenen Bildwelten der Rastertunnelmikroskopie.« In: Inge Hinterwaldner / Markus Buschhaus (Hg.): The Picture's Image. Wissenschaftliche Visualisierung als Komposit. München, S. 243-260.

- Hennig, Jochen (2006): »Die Versinnlichung des Unzugänglichen – Oberflächendarstellungen in der Zeitgenössischen Mikroskopie.« In: Martina Heßler (Hg.): Konstruierte Sichtbarkeiten. Wissenschafts- und Technikbilder seit der Frühen Neuzeit. München, S. 99-116.

- Hennig, Jochen (2006): »Aspekte instrumenteller Bedingungen in Bildern der Rastertunnelmikroskopie.« In: Helmar Schramm / Ludger Schwarte / Jan Lazardzig (Hg.): Instrumente in Wissenschaft und Kunst – Zur Architektonik kultureller Grenzen im 17. Jahrhundert. Berlin, S. 377-391.

- Hennig, Jochen (2006): »Changes in the Design of Scanning Tunneling Microscopic Images from 1980 to 1990.« In: Joachim Schummer, Davis Baird (Hg.): Nanotechnology Challenges: Implications fpr Philosophy, Ethics and Society. Singapore u.a., S. 143-163. (Projekt Visualisierung)

- Heßler, Martina (2005): »Bilder zwischen Kunst und Wissenschaft. Neue Herausforderung für die Forschung.« In: Geschichte und Gesellschaft, Jg. 3 / H. 2, S. 266-292.

- Heßler, Martina (Hg) (2006): Konstruierte Sichtbarkeiten. Wissenschafts- und Technikbilder seit der Frühen Neuzeit. München.

- Heßler, Martina (2006): »Einleitung. Annäherung an Wissenschaftsbilder.« In: dies. (Hg.): Konstruierte Sichtbarkeiten. Wissenschafts- und Technikbilder seit der Frühen Neuzeit. München, S. 11-37.

- Heßler, Martina (2006): »Der Imperativ der Sichtbarmachung. Zu einer Bildgeschichte der Unsichtbarkeit.« In: Bildwelten des Wissens, 4/2, S. 69-79.

- Heßler, Martina (2006): »Von der doppelten Unsichtbarkeit digitaler Bilder.« In: Zeitenblicke, 5 / 3. Themenheft »Digitale Medien und Wissenschaftskulturen«. http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Hessler

- Heßler, Martina (2006): »Die Konstruktion visueller Selbstverständlichkeiten. Überlegungen zu einer Visual History der Wissenschaft und Technik.« In: Gerhard Paulmann (Hg.): Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen  2006, S. 76-95.

- Mersch, Dieter (2006): »Naturwissenschaftliches Wissen und Bildliche Logik.« In: Martina Heßler (Hg.): Konstruierte Sichtbarkeiten. Wissenschafts- und Technikbilder seit der Frühen Neuzeit. München, S. 405-420.

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