Förderinitiative »Wissen für Entscheidungsprozesse –

Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft«

Kurzbeschreibung

Wissenschaftliche Forschung ist zunehmend einer veränderten Integration in die Gesellschaft ausgesetzt. Dies gilt vor allem für jene Bereiche, in denen die Ergebnisse der Forschung einer kontroversen Bewertung unterzogen werden, weil zumindest ein Teil der Gesellschaft nicht akzeptierte Folgen einer Anwendung befürchtet, während ein anderer Teil die Chancen wissenschaftlichen Fortschritts betont. Experten geraten selbst in diesen Diskursen in eine parteiliche Rolle, weil sich aus den Entscheidungen über eine gesellschaftliche Akzeptanz bzw. eine gesetzliche Regelung unmittelbare Folgen für das von ihnen vertretene wissenschaftliche Paradigma ergeben. Ein typisches Beispiel für solche Konflikte ist die Stammzellforschung. Insbesondere die embryonale Stammzellforschung und ihre Anwendung wird kontrovers beurteilt, da zum einen ein Verstoß gegen ethische Normen aufgrund einer Inanspruchnahme menschlichen Lebens zu Forschungszwecken befürchtet wird, zum anderen argumentiert wird, dass nur die embryonale Stammzellforschung innovative Therapien zu bislang unheilbaren Krankheiten bereithielte.

Diese Kontroversen spielen sich jedoch immer seltener nur noch auf der nationalen Ebene ab. Forscher arbeiten grenzüberschreitend zusammen, Patienten fragen Therapien in anderen Ländern nach und Forschungsergebnisse werden grenzüberschreitend verwendet. Nationale Gesetzgebungen genügen daher vielfach nicht zur Definition von Grenzen zulässigen Handelns, da sie stets durch eine Verlagerung in andere Länder mit weniger restriktiven Regeln unterlaufen werden kann. Dieser Prozess ist nicht als Globalisierung i.e.S. zu verstehen, da er aufgrund der Voraussetzungen verfügbaren wissenschaftlichen Wissens und Fähigkeiten zur Umsetzung nicht überall auf der Welt in gleicher Weise auftritt. Zudem ist es auch keine Internationalisierung, da es nicht um nachbarstaatliche Effekte geht oder um Prozesse, die mehrere Länder betreffen. Statt dessen ist von Transnationalisierung zu sprechen. Damit ist ein Prozess gemeint, der plurilokal, d.h. in verschiedenen Orten in verschiedenen Ländern gleichermaßen relevant ist. Es geht hier jeweils nur um einzelne Orte, nicht ganze Länder, da das notwendige Wissen zur Anwendung der kontroversen Technologien lokal konzentriert ist.

Die Prüfung von zwei Ausgangsthesen bestimmt das Forschungsvorhaben:

•  Es gibt einen Prozess der Transnationalisierung bei der kontrovers beurteilten Stammzellforschung.

•  Die Transnationalisierung wirkt sich auf den nationalen und internationalen politischen Meinungsbildungsprozess über die Stammzellforschung und damit auch auf die Regeln für die Stammzellforschung aus.

Zur Prüfung der ersten These findet eine möglichst breite Analyse unterschiedlichster Transnationalisierungskanäle beteiligter Akteursgruppen auf dem Gebiet der Stammzellforschung statt, um zu prüfen, welche Kanäle wie von wem genutzt werden. Die Untersuchung umfasst insbesondere

•  eine bibliometrische Studie zu wissenschaftlichen Co-Publikationen,

•  eine Kooperations- und Patentanalyse zur Erfassung von wirtschaftlichen bzw. wirtschaftlich-wissenschaftlichen Beziehungen,

•  eine Online-Recherche zu Nicht-Regierungsorganisationen,

•  eine Dokumentenanalyse zu offiziellen grenzüberschreitenden Rechtsetzungen und Vereinbarungen und

•  eine Medienanalyse zu transnational relevanten Veröffentlichungen.

Um das Feld transnationaler Beziehungen einzugrenzen, wird eine von bestehenden Kooperationen deutscher Forscher ausgehende Beschränkung auf transnationale Wissensströme zwischen Deutschland und vier großen Anwendungsländern (vorgesehen sind die USA, Großbritannien, Frankreich und Israel) vorgenommen. Fallweise werden aber auch Verflechtungen zu Orten in Ländern berücksichtigt, die in den vergangenen Jahren im Bereich der Stammzellforschung stark an Bedeutung gewonnen haben, beispielsweise China und Singapore.

Die zweite These setzt sich mit politischen Meinungsbildungsprozessen auf der nationalen und internationalen Ebene auseinander. Hier ist ein dreistufiges Vorgehen vorgesehen:

•  eine Dokumentenanalyse zu politischen Entscheidungsprozessen über die Regulierung embryonaler Stammzellforschung in vier Ländern (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, USA) und zwei inter- und supranationalen Einrichtungen (EU, UN)

•  eine Befragung von Repräsentanten in den politischen Entscheidungsprozessen zur Rolle der transnationalen Verflechtungen bei der Entscheidungsfindung, beispielsweise zum Drohpotential transnational agierender Forscher oder internationalen Koalitionen zur Verhinderung der Forschung

•  eine Analyse der Auswirkungen der empirisch festgestellten transnationalen Verflechtungen auf politische Prozesse und Ergebnisse.

Die Bearbeitung erfolgt in Zusammenarbeit mit Forschungspartnern in den europäischen Nachbarländern. Für die bibliometrische Analyse wurde das Institut für Wissenschafts- und Technikforschung an der Universität Bielefeld mit einem Werkvertrag beauftragt.

 

Laufzeit: 01.08.2004 – 31.12.2006

 

Veranstaltung

Transnationalisierung der Stammzellforschung – Workshop durchgeführt vom Projekt »Transnationalisierung« von Prof. Wink, 29./30.09.2005 in Bochum

 

Literatur zur Thematik

- Junold, Robert (2006): »Transnationalisierung der Wissenskommunikation: Deutsche Printmedien als Wissensüberträger im Stammzelldiskurs.« In: Rüdiger Wink (Hg.): Deutsche Stammzellpolitik im Zeitalter der Transnationalisierung. Baden-Baden, S. 101-118.

- Wink, Rüdiger (Hg.) (2006): Deutsche Stammzellpolitik im Zeitalter der Transnationalisierung. Baden-Baden.

- Wink, Rüdiger (2006): »Transnationalisierung und Standortwettbewerb in der Stammzellforschung.« In: Rüdiger Wink (Hg.): Deutsche Stammzellpolitik im Zeitalter der Transnationalisierung. Baden-Baden, S. 179-192.

- Wink, Rüdiger / Junold, Robert (2006): »Nurturing the Stem Cell Business: Lessons from the Recombinant Drugs Markets?« In: International Journal of Biotechnology, Jg. 8 / H. 3/4, S. 187-205.

Impressum | Förderinitiative »Wissen für Entscheidungsprozesse« | Stand 29.06.2007