Kurzbeschreibung
Bei politischen Entscheidungsprozessen in Fragen komplexer Technologien wie der Gentechnik kommt wissenschaftlicher Beratung und öffentlicher Abstimmung eine wachsende Bedeutung zu. Die Kontroversialität der Gentechnik führt zur Etablierung neuer Modelle wie z. B. wissenschaftlicher Expertengremien und partizipativer Verfahren, die den Platz traditioneller Interessenvertretung einnehmen.
Auf der Ebene des Selbstverständnisses der Akteure und der Abstimmungsverfahren in den Beratungsorganen zielt unsere Studie auf die Rekonstruktion der spezifischen Formen von Meinungsbildung, Aushandlungsprozessen und Entscheidungsfindung in den unterschiedlichen Gremien von ExpertInnen und Laien sowie der politischen Resonanz auf die einschlägigen Empfehlungen und Stellungnahmen. Dahinter steht einerseits die Vorstellung, dass Politikberatung kein linearer, sondern ein »rekursiver Prozess« (Weingart) ist. Zum anderen gehen wir davon aus, dass Ethik und ethische Positionsmarkierungen nicht Ausdruck einer »höheren«, formalisierten professionellen Vernunft sind, sondern das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, Abstimmungsverfahren und Koalitionsbildungen. Ethik ist in dieser Perspektive Produkt eines mikropolitischen Handlungsgeflechts. Dabei spielen die Strategien der Akteure, ihre Interessen und Handlungsorientierungen im konkreten Kontext ebenso eine wichtige Rolle wie die jeweiligen professionellen Orientierungen der Experten unterschiedlicher Disziplinen sowie die normativen und ethischen Einstellungen der beteiligten Akteure aus der Öffentlichkeit in den Laiengremien. Hinsichtlich der Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse ist insbesondere nach dem Umgang mit und dem Verhältnis von medizinischem und biologischem »Sachstandswissen« und genuin ethischer Normbegründung und ihrem wechselseitigem Verhältnis zu fragen.
Auf der Ebene der Begründung von politischen Entscheidungsprozessen geht es uns darum, zu klären, wie die Voten sowie die Beratungs- und Willensbildungsprozesse in den Kommissionen und Foren dazu genutzt werden können, politische Entscheidungen zu begründen, zu rationalisieren und zu legitimieren und dabei auch den Schutz von Minderheitsmeinungen zu gewährleisten. Hier fragen wir insbesondere danach, wie die Politik mit expertiell erzeugtem Dissens in den Expertengremien umgeht und ob sich daraus spezifische Begründungsprobleme für die politischen Akteure ergeben oder ob solche Verfahren aus der Perspektive der Entscheidungsträger auch als funktional erscheinen können.
Diesen Themenkomplex untersuchen wir im Rahmen von sieben Fallstudien zu Formen institutionalisierter Politikberatung durch Experten und Öffentlichkeit in Deutschland und Österreich (Ethikräte, Enquetekommissionen, Konsultationen, Bürgerkonferenzen). Unser Ziel ist es, zur Formulierung einer Konzeptionalisierung der politischen Funktion von Expertenwissen und Öffentlichkeitspartizipation im Zeitalter von auf Dauer gestelltem Dissens angesichts neuer Risikotechnologien beizutragen.
Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (Abteilung »Innovationen in der Biotechnologie«) durchgeführt.
Laufzeit: 1.05.2004 – 30.09.2007
Literatur zur Thematik
- Bogner, Alexander (2005): Grenzpolitik der Experten. Vom Umgang mit Ungewissheit und Nichtwissen inpränataler Diagnostik und Beratung. Weilerswist.
- Bogner, Alexander (2005): »Die Ethisierung von Technikkonflikten. Politikberatung durch Ethikkommissionen.« In: Michael Nentwich / Walter Peissl (Hg.): Technikfolgenabschätzung in der österreichischen Praxis. Wien, S. 33-52.
- Bogner, Alexander (2005): »Moralische Expertise? Zur Produktionsweise von Kommissionethik«. In: Alexander Bogner / Helge Torgersen (Hg.): Wozu Experten? Ambivalenzen der Beziehung von Wissenschaft und Politik. Wiesbaden.
- Bogner, Alexander / Menz, Wolfgang (2005): »The Politics of Knowledge and Values: Ethics Expertise in the Stem Cell Discourse«. In: Teorie vedy / Theory of Science, Jg. XIV/XXVII, H. 3, S. 113-126.
- Bogner, Alexander / Menz, Wolfgang (2005): »Bioethical Controversies and Policy Advice: The Production of Ethical Expertise und its Role in the Substantiation of Political Decision-Making.« In: Sabine Maasen / Peter Weingart (Hg.): Democratization of Expertise? Exploring Novel Forms of Scientific Advice in Political Decision-Making. Dordrecht (Sociology of the Sciences, Jg. 24), S. 21-40.
- Bogner, Alexander / Menz, Wolfgang (2005): »Alternative Rationalitäten?
Technikbewertung durch Laien und Experten am Beispiel der Biomedizin.« In: Alfons Bora u.a. (Hg.): Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung. Berlin, S. 383-391.
- Bogner, Alexander / Menz, Wolfgang (2006): »Wissenschaftskriminalität. Der koreanische Klon-Skandal und die Bedeutung der Ethik.« In: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, H. 2, S. 270-290.
- Bogner, Alexander / Menz, Wolfgang (2006): »Wissen und Werte als Verhandlungsform. Ethikexpertise in der Regulation der Stammzellforschung« In: Rüdiger Wink (Hg.): Deutsche Stammzellpolitik im Zeitalter der Transnationalisierung. Baden-Baden.
- Bogner, Alexander / Menz, Wolfgang (2006): »Welche Rationalität durch Verfahren? Die Organisation bioethischer Expertise.« In: Teorie Vedy / Theory of Science, Jg. XIV / XXVIII, H. 1, S. 245-264.
- Bogner, Alexander / Menz, Wolfgang (2006): »Science Crime. The Korean cloning scandal and the role of ethics.« In: Science and Public Policy, Jg. 33, H. 8, S. 601-612.
- Bogner, Alexander / Torgersen, Helge ( Hg.) (2005): Wozu Experten? Ambivalenzen der Beziehung von Wissenschaft und Politik. Wiesbaden.
- Bogner, Alexander / Torgersen, Helge (2005): »Sozialwissenschaftliche Expertiseforschung. Zur Einleitung in ein expandierendes Forschungsfeld.« In: dies. (Hg.): Wozu Experten? Ambivalenzen der Beziehung von Wissenschaft und Politik. Wiesbaden, S. 7-29.
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