Kurzbeschreibung
Das Forschungsvorhaben untersucht nationale Ethikpolitiken in Deutschland, Frankreich und Großbritannien von 1978 bis in die Gegenwart. Es analysiert die politischen Prozesse der Entstehung von Institutionen und Verfahren bioethischer Politikberatung und ihre Interaktion mit politischen Entscheidungsträgern und zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit. Das Projekt verfolgt sowohl empirisch-analytische als auch normative Fragen: Zum einen wird untersucht, ob auf dem Gebiet der Biomedizinpolitik eine neue Verknüpfung zwischen Politik und Ethik entstanden ist und was ggf. das Neue dieser Verbindung ausmacht. Zum anderen bearbeitet es die Frage, wie diese Institutionen und Verfahren demokratiepolitisch einzuschätzen sind. Dabei geht das Projekt von der Annahme aus, dass Bioethikpolitiken das Resultat konflikthafter Prozesse sind, in denen verschiedene Problem- und Konfliktinterpretationen miteinander konkurrieren. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche unterschiedlichen Problem- und Konfliktinterpretationen in welcher Weise in die Formulierung von Bioethikpolitiken eingehen. Insbesondere soll untersucht werden, welches spezifische Verständnis von »Ethik«, »Politik« und »Wissenschaft« in den jeweiligen Ethikpolitiken wirksam ist und welche Vorstellungen darüber bestehen, wie Ethik, Politik und Wissenschaft auf angemessene Weise miteinander in Beziehung zu setzen sind. Diese Vorstellungen sollen zum anderen auf ihre demokratiepolitischen Implikationen hin untersucht werden: Wie wird die Beziehung zwischen Politikerinnen und Politikern, wissenschaftlichen Expertinnen und Experten, Ethikexperten und -expertinnen und der zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit konstruiert? Leisten die untersuchten Bioethikpolitiken einen Beitrag zur Demokratisierung der Biomedizinpolitik im Sinne der Förderung von Partizipationschancen, demokratischen Gestaltungsmöglichkeiten und authentischen, machtfreien Kommunikationsformen im politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess?
Theoretisch und methodisch bezieht sich die Untersuchung auf neuere, interpretative Ansätze in der Policy Analyse, wie den Ansatz der deliberative policy analysis von Frank Fischer, die frame analysis von Martin Rein und Donald Schön und das Konzept der discourse coalitions von Maarten Hajer. Es verbindet diese Ansätze mit dem Konzept der Demokratisierung von John Dryzek und dem der politischen Rationalität von Michel Foucault und den gouvernmentality studies. Das Vorhaben zielt darauf ab, die Analyseperspektive der gouvernmentality studies mit einer normativ-demokratietheoretischen und einer handlungs- und akteursbezogenen Perspektive zu verbinden und damit einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Policy Analyse zu leisten.
Laufzeit: 1.01.2004 – 31.05.2007
Veranstaltungen
The politics of Ethics and the Crisis of Government – Tagung, University of Washington, Seattle, 24. – 26.05.2006
Mapping Biopolitics. Medical-Scientific Transformations and the Rise of New Forms of Governance – Workshop durchgeführt vom Projekt »Ethical Governance« von Prof. Braun, Granada, 14. – 19.04.2005
Mapping Biopolitics – Autorentreffen unterstützt durch das European Consortium for Political Research (ECPR), Leiter: Kathrin Braun / Herbert Gottweis, Kopenhagen, 15.10.2005
Literatur zur Thematik
Braun, Kathrin (2005): »Not Just for Experts: The Public Debate about Reprogenetics in Germany.« In: Hastings Center Report 35, H. 3.
Braun, Kathrin (2007): »Biopolitics and Temporality in Arendt and Foucault.« In: Time & Society Vol. 16, No. 1 (peer reviewed).
Braun, Kathrin: »Women, Embryos, and the Good Society. Gendering the Bioethics Debate in Germany.« In: Melissa Haussmann / Birgit Sauer (Hg.): Gendering the State in the Age of Globalization. Women's Movements and State Feminism in Post-Industrial Democracies. Boulder / London. [im Erscheinen]
Herrmann, Svea Luise (2003): »Deregulation via Regulation: On the Moralisation and Naturalisation of Embryonic Stem Cell Research in the British Parliamentary Debates of 2000/2001.« In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, H. 2, S. 149-161.
Herrmann, Svea Luise / Sabine Könninger (2008): »› ... but you can not influence the direction of your thinking.‹ Guiding Self-Government in Bioethics Policy Discourse.« In: Katz Rothman / Barbara Armstrong / Elizabeth M. Armstrong (Hg.): Bioethical Issues: Sociological Perspectives. [im Erscheinen]
English