Förderinitiative »Wissen für Entscheidungsprozesse –

Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft«

Kurzbeschreibung

Das Forschungsvorhaben befasst sich mit den Beziehungen außeruniversitärer Forschungsinstitute zu ihren Anwendungs- und Praxiskontexten. Im Mittelpunkt stehen Ausgründungen (Spin-Offs), in denen Ergebnisse von Forschung und Entwicklung aus Instituten in privatwirtschaftlichen Unternehmen genutzt und weiterentwickelt werden. Ausgründungen sollen als ein Symptom für Veränderungsprozesse im deutschen Wissenschaftssystem gelesen werden. In institutioneller Hinsicht spiegelt der Ausgründungstrend auch den Versuch der Institute, die gesellschaftliche Relevanz der Forschung zu demonstrieren. In kognitiver Hinsicht manifestieren sich hier neue Formen der Erkenntnisgewinnung: Die Unterscheidung zwischen theoretisch orientierter Grundlagenarbeit und anwendungsorientierter Forschungspraxis scheint an Bedeutung zu verlieren gegenüber einem neuen Modus der Wissensproduktion, bei dem Theorie- und Praxisanteile mittels rekursiver Schleifen integriert und synthetisiert werden.

Auf der Basis wissens-, arbeits- und organisationssoziologischer Ansätze sollen mit mikrosoziologischen Methoden Ausmaß, Bedeutungen, Chancen und Risiken dieses neuen Forschungstyps mit seinen permanenten »Cross-Over«-Prozessen im historischen und internationalen Kontext analysiert, mögliche Auswirkungen auf die Qualität wissenschaftlicher Erkenntnis­prozesse bewertet und wissenschaftspolitische Schlussfolgerungen gezogen werden. Schließlich ist auch der mit dem Ausgründungstrend verbundene Wandel der Qualitätsstandards zu untersuchen und die Frage zu beantworten, welche neuen Instrumente die Förderinstitutionen zur Evaluation und Qualitätsbeurteilung von Forschung im Ausgründungskontext benötigen. Im Vordergrund stehen Ausgründungen aus Instituten der vier Gruppen außeruniversitärer Forschungsorganisationen in Deutschland: der Hermann-von-Helmholtz-Gemein­schaft Deutscher Forschungszentren (HFG), der Leibniz-Gemeinschaft (WGL), der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) und der Max-Planck-Gesellschaft (MPG).

Der Wandel des Wissenschaftssystems wird in der Forschung nicht nur mit institutionellen Veränderungen, sondern auch mit neuen Formen der Wissensproduktion verbunden. Unter anderem wird konstatiert, dass die traditionelle Differenzierung zwischen grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung fragwürdig geworden sei, weil Wissenschaft nicht nur in der praktischen Umsetzung, sondern bereits im Erkenntnisprozess tief in gesellschaftliche Kontexte eingebettet ist. Auch wurde festgestellt, dass die Transformation des Wissenschaftssystems nach modifizierten und neuen Evaluationskriterien verlangt. Solche wissenssoziologischen Thesen sind am empirischen Beispiel der Ausgrün­dungen zu überprüfen.

Die wissenssoziologische Perspektive wird durch arbeits- und organisations­soziologische sowie historische Ansätze ergänzt. Mit dieser Kombination sollen organisationale Aspekte der Ausgründungen und ihrer Beziehungen zu den »Mutterinstituten« einerseits, zu ihren Märkten und KundInnen andererseits untersucht werden. Dabei ist zu prüfen, welche Anforderungen sich in den jeweiligen Konstellationen für die WissenschaftlerInnen stellen. Die historische Perspektive ist für dieses Projekt von Bedeutung, um die Frage zu beantworten, inwieweit der aktu­elle Ausgründungstrend ein qualitativ neues Phänomen oder nur eine rhetorische Um­benennung von traditionellen Forschungspraktiken ist.

Zu untersuchen sind ca. acht Ausgründungen außeruniversitärer Einrichtungen, wobei die verschiedenen Trägerorganisationen und die Forschungsfelder (natur-, ingenieur- und sozialwissenschaftliche Bereiche) vertreten sein sollen. Die Fallstudien umfassen Dokumentenanalysen, leitfadenstrukturierte Interviews sowie die historisch-quellenkritische Rekonstruktion von Archivmaterialien und andere Quellen.

Um die Eigenheiten der deutschen Verhältnisse zu bewerten, werden Relativierungen durch die Einbeziehungen des internationalen Kontextes entwickelt. Der internationale Vergleich wird auf zwei Ebenen geleistet: einerseits mit der Forschungspolitik der Europäischen Union, andererseits durch ausgewählte Vergleiche mit anderen Staaten (USA, Schweden, Großbritannien, Frankreich, Finnland).

Das Projekt umfasst folgende Untersuchungsebenen:

  1. Morphologie von Ausgründungen: Dazu gehören die Motive, Entwicklungen und Ausprägungen von Transferarrangements, die organisationalen und personellen Merkmale von Ausgründungen sowie deren disziplinäre Differenzierungen, schließlich auch die Positionierung von Ausgründungen in der Wissenschaftslandschaft.
  2. Formen der Wissensproduktion in Ausgründungen; Diskussion neuer Evaluationskri­terien für Ausgründungen : Untersucht werden sollen die für Ausgründungen spezifischen Formen der Wissens­gene­rie­rung im Praxiskontext, einschließlich der Transfers, Rücktransfers und Rekursionen von Wissen zwischen Ausgründungen und ihren »Mutterinstituten« sowie ihre Bedeutung für das berufliche Selbstverständnis und die Berufsperspektiven der WissenschaftlerInnen. Zu beachten sind auch die Rückwirkungen auf die einzelnen Disziplinen. Besonders zu berücksichtigen sind schließlich der Wandel von Qualitätsstandards zur Beurteilung von Ausgründungen beziehungsweise die Strategien zur Evaluation von Wissensproduktion im Ausgründungskontext.
  3. Nachfrage nach Wissenschaft: Ausgründungen sind auf ihre Kundenbeziehungen zu untersuchen, was Rückschlüsse erlaubt auf die Veränderungen der Marktnachfrage nach wissenschaftlicher Expertise in unter­neh­me­rischer Form. Zu fragen ist auch nach den Erfahrungen von Ausgründungen bei Anpassungen an eine veränderte Marktnachfrage und nach Strategien für die Erschließung neuer Märkte.
  4. Forschungspolitik und Wissenschaftssystem: Untersucht werden die forschungspolitische Einschätzung von Ausgründungen, spezifische Förderinstrumente und forschungspolitische Bewertungen von Ausgründungen. Das Forschungsvorhaben bewertet außerdem die Chancen und Optionen für eine marktorientierte Erkenntnisgewinnung, insbesondere die Risiken der Privatisierung öffentlicher Güter. Die Chancen für Ausgründungen im Bereich der Sozialwissenschaften gilt es gesondert zu beachten.

Laufzeit: 15.03.2004 – 31.08.2007

 

Literatur zur Thematik

- Knie, Andreas (2005): »Die verkürzte Wertschöpfungskette des Wissens: Mutmaßungen über den Bedeutungsverlust der Soziologie.« In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, Jg. 28 / H. 2, S. 203-213.

- Knie, Andreas / Simon, Dagmar (2005): »Organisation der Wissenschaften: Projektgruppe ›Wissenschaftspolitik‹ am WZB.« In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, Jg. 28 / H. 2, S. 231-233.

- Knie, Andreas / Simon, Dagmar (2006): »Forschung im Cross-Over Modus: Wissenschaftliche Ausgründungen in neuen Arrangements der Wissensproduktion.« In: WZB discussion paper, H. 101.

- Konrad, Kornelia / Truffer, Bernhard (2006): »The Coupling of Spin-offs and Research Institutions in the Triangle of Policy, Science and Industry – An International Comparison.« In: WZB discussion paper, H. 103.

- Lengwiler, Martin (2005): »Im Schatten Humboldts: Angewandte Forschung im Wissenschaftssystem Westdeutschlands (1945 – 1975).« In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Jg. 55, S. 46-59.

- Lengwiler Martin / Simon, Dagmar (2005): »New Governance Arrangements in Science Policy.« In: WZB discussion paper, H. 101, S. 104.

- Potthast, Jörg / Lengwiler, Martin (2005): »Arrangements der Wissensproduktion. Akademische Ausgründungen zwischen Forschung und Markt.« In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, Jg. 28 / H. 2, S. 214-230.

Impressum | Förderinitiative »Wissen für Entscheidungsprozesse« | Stand 29.06.2007